(1998) "FrühlingsErwachen" von Frank Wedekind
Über das Stück

Es sollte vielleicht vorweggenommen werden, dass es nicht unsere Absicht war, Frühlingserwachen in ein Heute, in ein Jetzt, zu versetzen.
Frühlingserwachen, ist unter der gesellschaftlichen Problematik, des ausgehenden Jahrhunderts verfasst worden und bringt dies natürlich in seinen Bildern und Symbolen zum Ausdruck. Beispielsweise ist es nicht mehr die Regel, dass 14 jährige Mädchen und Jungs keine Ahnung haben, "wie sie in diese Welt gekommen sind“. Wir wollen also nicht versuchen, Sprache und Bilder so zu aktualisieren, dass man den Eindruck haben könnte, es sei eine Geschichte, die sich auch heute so hätte abspielen können. Nein, vielmehr geht es um den Symbolgehalt des Stückes. So werden wir beispielsweise die Unwissenheit Wendlas nutzen, um die allgemeinen Widersprüche, (die zwischen dem Drang nach Individualitätsentfaltung und den das Individuum formenden, auf es einwirkenden sozialen Konventionen und moralischen Werten), zeigen zu können.
Sicherlich haben sich Werte und Normen verschoben, verändert, jedoch nicht unbedingt verbessert. Der Zwiespalt zwischen dem Leistungszwang, einer nicht von den jungen Menschen zur eigenen gemachten gesellschaftlichen Verhaltensrationalität und dem Verlangen nach eigenem Leben, ist sicherlich kein Zwiespalt, in dem sich der junge Mensch nur im neunzehnten Jahrhundert befunden hat. Die Problematik mag sich verschoben haben, jedoch bleibt die Frage nach der Fremdbestimmung von Kindern und Jugendlichen durch den Erwachsenen. Natürlich benötigt ein junger Mensch eine gewisse Fremdbestimmung jedoch stellt sich die Frage, ob die auch heute angewandte Fremdbestimmung (die „Pädagogik“ von Eltern, Lehrer, Kirche...) wirklich das Interesse des jungen Menschen verfolgt, oder ob es sich schlicht um die Verfolgung von eigenen Interessen handelt. Und an diesem Punkt besitzt das Stück eine Aktualität, wie sie zu Zeiten, in denen es verfasst worden ist, nicht hätte aktueller sein können. Das Tragische daran ist, dass Kinder ohne Verschulden ihrer Seele, einzig durch ihr Dasein, ihr Werden, ihre körperliche Entwicklung, um Glück und Leben kommen. Noch ehe sie das tiefe Geheimnis, auf welche Weise sie in den Strudel hineingeraten sind, gelichtet haben, hat sie der Strudel bereits verschlungen.
Auch zum Thema Sexualität / Sexualmoral haben wir während den Vorbereitungen, Proben und der Organisation feststellen müssen, dass wir / die Gesellschaft und hier im besonderen Menschen mit Machtstellungen (Eltern, Lehrer, Pfarrer) noch lange keine natürliche Einstellung zu unserer Natur, zu unserem Körper haben; zu dem Verlangen, dass sich in uns regt. Scheinbar sind wir alle liberal geworden, doch in Wirklichkeit sind wir voll von Scham, Ekel (<z.B. Szene III.6. Homosexualität), „Verklemmtheit“.

Und dieser Umstand ist nicht viel besser als im neunzehnten Jahrhundert.
Dort war er wenigstens sichtbar, fassbar, es war keine Doppelmoral wie wir sie heute haben.
Frühlingserwachen zeigt anhand von drei jungen Menschen (Melchior, Moritz und Wendla) wie sich der Drang nach einer Individualität, Autonomität innerhalb der Pubertät entwickelt, wohin er führen kann und wie Erwachsene es schaffen, Kindern ihren großen Frühling zu rauben.

  Zuerst einmal haben wir versucht die Aktualität des Stückes dadurch sichtbar zu machen, dass unsere jungen Menschen im Outfit, in der Gestik und im Verhalten von Heute daherkommen. Sie treffen sich auf der Baustelle und spielen Basketball. Im Gegensatz dazu, tragen die Erwachsenen weiterhin die Kleidung aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ihr Umgang mit ihrem Erziehungsauftrag ist kein anderer, als der zu jener Zeit als das Stück geschrieben wurde. Die Aufgabe war es nicht das Stück komplett zu modernisieren, sondern an den ein oder anderen Stellen, dem Zuschauer klar zu machen, dass es sich hier nicht um eine Thematik handelt, die nur Anfang des letzten Jahrhunderts eine Berechtigung hatte. Es haben sich die Inhalte der Erziehungsmethoden sicherlich verändert, jedoch die Fremdbestimmung des jungen Menschen durch den Erwachsenen, so wie sie auch heute noch praktiziert wird, ist eigentlich ein Relikt aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sowohl die Sprache, die Wahl der aufeinanderprallenden Kostüme und die von Wedekind in Bilder unterteilte Szenen, von denen jede ein anderes Stilmittel besitzt (z.B.: literarische Parodie II.3.; Gesellschaftssatire III.1. oder III.2.; lebensphilosophische Dialoge I.5. oder III.7.), lässt Szene für Szene zu einer eigenen Nummer wie in einem Zirkus werden. Das Prinzip der Unterbrechung verhindert Wirklichkeitsillusionen und Einfühlung, sie schafft jene Distanz, die notwendig ist, um sich über die Parallelen zu dem Heute und dem Inhalt der einzelnen Szenen klar werden zu können. Durch das ganze Stück hindurch begleitet uns die Band Tickle Me Ebo. Diese steht für Jugendliche, die von der Gesellschaft für untragbar gehalten werden, weil sie sich nicht so einfach den Werten und Normen der Gesellschaft hingeben. Ihr Ursprung liegt im 3.Akt in der 4.Szene. Sie symbolisieren durch ihre nicht kommerzielle Musik ihre eigenen Werte und Normen und drücken somit ihr Lebensgefühl und ihre Sehnsucht nach Freiheit aus.

Joerg Mohr
Inszenierung: Joerg Mohr
Darsteller: Sascha Bauer, Stephan Bießmann, Anthony Beels, Christian van der Bosch, Daniela BoyneAnneke Floß, Juliane Floß, Peter Gehrt, Antrea Geiselhart, Benjamin Götzmann, Daniel Holl, Harald Maschler, Florian Nimis, Tina Scheuermann, Stefanie Schmitt, Felix Schwab, Philipp Schwab, Carola Sobbe, Arne Treinis, Francois Wolter