(2000) "Die Räuber" von Friedrich Schiller
Zur Inszenierung

"Oh Gott, Schiller!" höre ich mich in der 9. Klasse selbst noch sagen: "...wie uncool". Doch es half alles nichts, wir mussten die Räuber lesen. Zwölf Jahre später kann ich mich von diesem angeblich "uncoolen" Schiller nicht mehr lossagen. Ich lese seine Räuber und bin auf der einen Seite fasziniert, auf der anderen Seite aber sträubt sich etwas in mir: "So sinnlos kann die Welt nicht sein!", sage ich mir beim Lesen immer wieder. Doch ich brauche nur den Fernseher einzuschalten und Nachrichten zu schauen oder die Zeitung aufzuschlagen, da begegnen sie mir alle wieder: Karl, Franz, der alte Moor, Spiegelberg, Schweizer, Hermann, Amalia u.a.. Und auch ich stelle mir die Frage, die sich sicherlich auch der 20 jährige Schiller stellte: "...wo ist dieser gütige Gott?", "...was ist Gerechtigkeit?" GOTT IST TOT!? Schiller geht es bei seinem Stück nicht um Gut und Böse oder wie er zu sein hat - dieser Mensch?! Er hat mit seinen Räubern ein gänzlich amoralisches Stück geschrieben. Auf jeder Seite finde ich erneut die Frage: "Warum ist er überhaupt dieser Mensch?". Die große, niemals zu beantwortende Sinnfrage. So mag uns beim Lesen anfänglich der Eindruck entstehen KARL ist der GUTE, FRANZ der BÖSE, doch beim Inszenieren ist es mir immer deutlicher geworden, es geht nicht um schwarz und weiß oder gut und böse. Oftmals blieb mir beim Zusehen der Proben die Luft weg, wenn ich sah, wie Franz vergeblich versucht, eine Antwort auf all seine Fragen zu bekommen. Auf der Suche nach Geborgenheit, Anerkennung, einer Verortung, einem Sinn im Dasein, muß er immer wieder erneut erfahren, dass es keinen Platz für ihn gibt. Da ist ein Bruder aus dem "...selben Ofen geschossen" wie Franz, der nur der Zweitgeborene ist; und nicht um Ihn, sondern um Karl dreht sich das Familienleben. Selbst der Diener (bei uns eine Dienerin) Daniel sagt zu Karl: "...hab Euch immer am gernsten gehabt...", und auch bei der im Hause wohnenden Amalia macht der große Bruder, selbst über seinen angeblichen Tod hinaus, das Rennen. Franz, von Mutter Natur ungerecht behandelt "Warum gerade mir diese Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken.", glaubt nur durch Anwendung von Gewalt sich seinem Ziel nähern zu können. Franz immer auf der Suche nach seiner Identität...immer allein...keine Antworten auf seine Fragen (25 Fragezeichen im ersten Monolog) ist der Verzweiflung so nahe, dass er Gott zwingt ihm zu antworten aber Gott bleibt stumm. GOTT IST TOT?! Karl hingegen durch Rache getrieben, begeht Morde, und auch wenn er versucht die Unschuldigen zu verschonen, bleiben Opfer nicht aus: "O der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder?". Er geht so weit, dass er seinen Vater und seine geliebte Amalia tötet - der unvermeidlichen Gerechtigkeit wegen.
Auch Karl ist auf der Suche nach dem Grund für sein Leben. Der angebliche Fluch seines Vaters, ihm mitgeteilt durch einen Brief (von Franz verfasst), lässt ihn aus dem Gleichgewicht des Lebens fallen.

Auch Karl, auf der Suche nach dem gerechten Gott, kommt am Ende seiner Suche zu folgender Erkenntnis: "O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern, und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten. Ich nannte es Rache und Recht - Ich maßte mich an...Gnade - Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte - Dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freilich stehts nun in meiner Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen - schon bleibt verdorben, was verdorben ist - was ich gestürzt habe, steht ewig niemals mehr auf ..." GOTT...
"Weil ich Langeweile hab, und eben am Schachbrett keinen Geschmack finde.", lautet ein Satz am Ende von V.1.. Das Dasein als Spiel, der Einsatz das Leben - in diesem Spiel aber verliert man früher oder später seinen Einsatz. Das Bühnenbild gleicht einem Schachbrett. Schach ein intelligentes Spiel, ein Kriegsspiel. Ein Spiel um Positionen. Aber eben ein Spiel, in dem jede Figur zu einem Ganzen gehört - wie in dem großen Spiel Welt. Franz, anfänglich der Meinung der Spieler zu sein, muß jedoch im Laufe des Spiels erkennen, keinen Gegenspieler zu haben, weil er nichts weiter als eine Figur innerhalb des Spiels ist. Sicherlich kann er durch das Einbringen seiner Stärken den Spielverlauf mitgestalten, aber jedoch nicht bestimmen. Denn zu dem Spiel gehören eben auch noch andere Figuren, die wiederum durch das Einbringen ihrer Individualität den Spielverlauf mitbeeinflussen. Alle Räuber haben eine lange Probenzeit hinter sich, die von ihnen eine Auseinandersetzung mit dem Tierreich abverlangte. So besitzt jeder Räuber Merkmale eines Tieres, das am besten zu seinem Charakter passt. Immer wieder, mal mehr, mal weniger kommt das Tierische im Mensch zum Vorschein. Gefühle, Triebe, die Lust zu töten. Stephge hat es gewagt, sich des Klassikers anzunehmen und ihn zu einem Theaterabend voll Action und Spannung umzusetzen. Der junge Schiller war gerade einmal 20 Jahre alt, als er 1780 dieses Stück schrieb. Ein langweiliger Abend würde dem jungen Schiller sicherlich nicht gefallen. Blut, Spannung, Gewalt sind keine Errungenschaften des neuen Jahrtausends, sondern existieren schon sehr lange auf dieser Erde. Jedoch um Menschen heute noch zu fesseln, muss man schon tief in die Trickkiste greifen, oder man schafft es, sie zu berühren, mit auf die Irrfahrt in das Unbekannte zu nehmen. Den Zuschauer teilhaben zu lassen an den Gefühlen anderer Menschen. Ihn abzuholen und mit in den Horror der Familie Moor zu nehmen, ist unser wichtigstes Anliegen. Die Besucher sollten jedoch mindestens 14 Jahre alt und nicht zu zart besaitet sein, wenn sie in die Welt der "Räuber" eintauchen wollen. 

Joerg Mohr

Inszenierung: Joerg Mohr
Darsteller: Andreas Bagattini, Sascha Bauer, Stephan Bießmann, Anthony Beels, Christian van der Bosch, Anja Boyne, Alexander Finzer, Anneke Floß, Juliane Floß, Benjamin Götzmann, Katja Hartwich, Johannes Henkel, Klaus Herdel, Andreas Hillenbrand, Tobias Kahnis, Katharina Lambert, Anna Maisch, Christiane Pfeiffer, Jakob Polhammer, Christine von Pressentin, Tina Scheuermann, Stefanie Schmitt